Tradition trifft Virtuosität: Wie der Mendelssohn-Wettbewerb seit 1878 Karrieren prägt
Award-Gewinner 2018/2019

Tradition trifft Virtuosität: Wie der Mendelssohn-Wettbewerb seit 1878 Karrieren prägt

Der Klang eines Vermächtnisses im Konzertsaal

Seit mehr als 140 Jahren steht der Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Wettbewerb für eine Form musikalischer Würdigung, die über den flüchtigen Eindruck eines gelungenen Auftritts hinausreicht. Aus der 1878 begründeten Stiftungstradition hervorgegangen, zählt er zu den ältesten Musikerförderpreisen Deutschlands. Seine heutige Gestalt verbindet historische Verantwortung mit einer präzisen Orientierung an den Anforderungen des gegenwärtigen Musiklebens. Für Studierende deutscher Musikhochschulen ist die Auszeichnung deshalb nicht nur ein prestigeträchtiger Eintrag im Lebenslauf, sondern ein öffentliches Urteil über künstlerische Reife, Eigenständigkeit und Entwicklungsperspektive.

Wer sich über den Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Hochschulwettbewerb informiert, begegnet einem Wettbewerb, der sich bewusst zwischen Tradition und Gegenwart bewegt. Die preußische Idee einer dauerhaften Förderung begabter Musikerinnen und Musiker trifft auf einen Betrieb, in dem Streaming, internationale Mobilität, digitale Sichtbarkeit und ökonomischer Druck den Karriereweg prägen. Gerade in diesem Spannungsfeld liegt die besondere Bedeutung des Wettbewerbs. Er belohnt nicht bloß makellose Fingerfertigkeit oder stimmliche Brillanz, sondern die Fähigkeit, ein Werk zu verstehen, es verantwortungsvoll zu gestalten und im Dialog mit anderen musikalisch tragfähig zu machen.

Vom preußischen Staatsvertrag zur Hochschule der Künste

Der Ursprung des Wettbewerbs liegt in einer Übereinkunft aus dem frühen Jahr 1878. Die Erben Felix Mendelssohn Bartholdys übergaben dem preußischen Staat die erhaltenen musikalischen Manuskripte des Komponisten. Im Gegenzug verpflichtete sich der Staat, eine dauerhaft öffentlich finanzierte Stiftung für talentierte und aufstrebende Musiker einzurichten. Bemerkenswert war bereits die programmatische Offenheit dieser Stiftung. Die Vergabe sollte nicht durch Einschränkungen nach Alter, Geschlecht, Religion oder Nationalität begrenzt sein. Aus dem Stiftungsauftrag entwickelte sich ab 1879 ein jährlich vergebener Preis, zunächst an der Berliner Musikhochschule.

Die Auszeichnung wurde rasch zu einer wichtigen Institution der musikalischen Nachwuchsförderung. Zu den frühen Preisträgern gehörten Engelbert Humperdinck und der Geiger Joseph Kotek; später folgten unter anderem Wilhelm Backhaus, Otto Klemperer und Kurt Weill. Damit wurde der Preis zu einem Ort, an dem sich nicht nur technische Fertigkeiten, sondern auch unterschiedliche ästhetische und kompositorische Begabungen zeigten. Die Geschichte blieb jedoch nicht bruchlos. Während des Nationalsozialismus wurde Mendelssohns Name 1937 aus der offiziellen Bezeichnung entfernt, und die Finanzierung ging in ein preußisches Staatsstipendium über. Erst ab 1963 nahm die Stiftung Preußischer Kulturbesitz die Förderung wieder auf, bevor der Preis 1967 erneut den Namen Felix Mendelssohn-Bartholdy erhielt.

Seit 2013 ist der Mendelssohn-Preis mit dem jährlich stattfindenden Hochschulwettbewerb der deutschen Musikhochschulen verbunden. Veranstaltet wird der Wettbewerb heute gemeinsam von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und der Rektorenkonferenz der deutschen Musikhochschulen; die Universität der Künste Berlin übernimmt die Organisation. Diese Entwicklung zeigt, wie aus einer staatlichen Stiftung ein kooperatives Netzwerk der musikalischen Ausbildung geworden ist. Die institutionelle Evolution lässt sich in wenigen Etappen nachvollziehen:

Zeitraum Institutioneller Meilenstein Bedeutung
1878 Gründung der Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Stiftung Übergabe der Manuskripte an den preußischen Staat und Einrichtung eines dauerhaften Stipendiums
Ab 1879 Jährliche Preisvergabe in Berlin Förderung begabter Musikerinnen und Musiker durch ein öffentliches Auswahlverfahren
1937 bis 1962 Unterbrechung der Mendelssohn-Tradition Entfernung des Namens im Nationalsozialismus und Umwandlung in ein Staatsstipendium
Ab 1963 und 1967 Wiederaufnahme und Umbenennung Rückkehr zur historischen Stiftungsidee unter dem Namen Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Preis
Seit 2013 Verbindung mit dem Hochschulwettbewerb Zusammenführung von Stiftungstradition und bundesweiter Musikhochschulförderung

Die Anatomie eines elitären Auswahlverfahrens

Die besondere Stellung des Wettbewerbs beruht auch auf seiner konzentrierten Struktur. Anders als viele internationale Wettbewerbe, die jährlich dieselben Instrumentalfächer ausschreiben, arbeitet der Mendelssohn-Wettbewerb mit einem Rotationsprinzip. Die Disziplinen wechseln in einem festen Turnus. In den kommenden Austragungen stehen beispielsweise Violoncello und Komposition im Mittelpunkt, während später Gesang und Orgel folgen. Für die Jahrgänge 2027 und 2028 sind Wettbewerbe in Berlin angekündigt. Das Rotationsmodell erlaubt eine fachlich differenzierte Bewertung und verhindert, dass die gesamte Aufmerksamkeit dauerhaft auf wenigen, medial besonders etablierten Disziplinen liegt.

Die Auswahl verlangt von den Teilnehmenden eine ungewöhnlich breite Vorbereitung. Zwar unterscheiden sich Einzelheiten je nach Fach, doch der Weg führt typischerweise von der internen Vorauswahl an der Musikhochschule über öffentliche Rezitals bis zu einer abschließenden Prüfung mit Orchester oder in einer vergleichbar anspruchsvollen Besetzung. Damit wird nicht nur die Qualität eines vorbereiteten Einzelstücks geprüft. Entscheidend ist, wie Musikerinnen und Musiker unter wechselnden Bedingungen reagieren, wie sie ein Programm dramaturgisch gestalten und ob ihre Interpretation auch im größeren musikalischen Zusammenhang Bestand hat.

  1. Hochschulinterne Auswahl: Die Musikhochschulen nominieren Studierende, die neben technischem Können eine überzeugende künstlerische Entwicklung erkennen lassen.
  2. Rezital und fachliche Prüfung: In der öffentlichen Runde zeigen die Kandidatinnen und Kandidaten Programmgestaltung, Werktreue, stilistische Urteilskraft und die Fähigkeit, einen eigenen interpretatorischen Standpunkt zu formulieren.
  3. Orchestrales oder finales Konzert: Die letzte Phase konfrontiert die musikalische Persönlichkeit mit größeren Besetzungen, öffentlicher Aufmerksamkeit und den besonderen Anforderungen des Zusammenspiels.
Junge Pianisten spielen an mehreren Flügeln vor einem Orchester
Im finalen Konzert entscheidet sich, ob sich technische Souveränität in einen tragfähigen musikalischen Dialog mit dem Orchester verwandelt.

Im Zentrum steht dabei die Balance zwischen Werktreue und Eigenständigkeit. Werktreue bedeutet nicht, eine Partitur mechanisch zu reproduzieren. Sie verlangt vielmehr, historische, stilistische und strukturelle Informationen so zu erfassen, dass daraus eine lebendige Interpretation entstehen kann. Ebenso wichtig ist die kammermusikalische Dialogfähigkeit. Selbst ein Solokonzert wird nicht im luftleeren Raum gestaltet; Artikulation, Atem, Timing und Klangfarbe müssen auf Mitspieler, Raum und musikalische Situation reagieren. Zeitgenössische Pflichtstücke erweitern diesen Anspruch, weil sie Interpretationen jenseits vertrauter Routinen erfordern und zeigen, wie offen ein Talent für neue Klangsprachen ist.

Künstlerische Tiefe versus digitaler Konkurrenzdruck

Der heutige Musikbetrieb stellt junge Künstlerinnen und Künstler vor Aufgaben, die im 19. Jahrhundert unbekannt waren. Neben dem täglichen Üben, dem Unterricht und der Konzertvorbereitung müssen sie digitale Aufnahmen produzieren, soziale Netzwerke pflegen und ein Publikum über Streamingplattformen erreichen. Technologische Entwicklungen haben die Herstellung, Verbreitung und Wahrnehmung klassischer Musik grundlegend verändert, wie die Untersuchung zu Karrieren klassischer Musiker im digitalen Zeitalter erläutert. Eine Aufnahme kann heute weltweit verfügbar sein, doch gerade diese Reichweite verschärft den Vergleich. Jede Interpretation tritt neben unzählige historische Referenzaufnahmen und technisch perfektionierte Produktionen.

Digitale Sichtbarkeit kann Türen öffnen, ersetzt aber keine künstlerische Substanz. Ein kurzer Ausschnitt in sozialen Medien vermag Aufmerksamkeit zu erzeugen, sagt jedoch wenig über die Fähigkeit aus, ein umfangreiches Werk zu tragen, einen Abend dramaturgisch zu gestalten oder im Ensemble Verantwortung zu übernehmen. Der Wettbewerb setzt hier einen wichtigen Gegenakzent. Er schafft einen Raum, in dem konzentriertes Zuhören, differenzierte Probenarbeit und unmittelbare Kommunikation wieder stärker zählen als die Geschwindigkeit des digitalen Erscheinens.

  • Künstlerische Integrität: Eine überzeugende Laufbahn braucht einen erkennbaren interpretatorischen Standpunkt statt bloßer Anpassung an Markttrends.
  • Mentale Stabilität: Wettbewerbe verlangen den Umgang mit Erwartungsdruck, öffentlicher Bewertung und unvermeidlichen Rückschlägen.
  • Professionelle Förderung: Stipendien, Meisterkurse, Auftrittsmöglichkeiten und verlässliche Netzwerke können den Übergang vom Studium in den Beruf entscheidend erleichtern.
  • Mediale Kompetenz: Digitale Werkzeuge sollten als Ergänzung künstlerischer Arbeit verstanden werden, nicht als deren Ersatz.

Die Bedeutung institutioneller Begleitung wird besonders sichtbar, wenn finanzielle und soziale Voraussetzungen betrachtet werden. Reisen zu Meisterkursen, Teilnahmegebühren, Instrumentenpflege, professionelle Aufnahmen und längere Studienaufenthalte sind kostspielig. Förderprogramme wie jene der Deutschen Stiftung Musikleben unterstützen junge Musikerinnen und Musiker mit Stipendien für Studienprogramme, Wettbewerbe und Meisterklassen. Auch Angebote für Kammerensembles oder gezielte Förderungen einzelner Instrumente zeigen, dass nachhaltige Karrierearbeit mehr benötigt als einen einmaligen Preis. Eine Auszeichnung kann den entscheidenden Impuls geben, ihre Wirkung entfaltet sich jedoch vor allem dann, wenn Anschlussförderung und professionelle Beratung folgen.

Globale Standards im Wandel der Wettbewerbslandschaft

Im internationalen Vergleich bewegt sich der Mendelssohn-Wettbewerb in einem dicht besetzten Feld renommierter Auszeichnungen. Der 1937 gegründete Concours Reine Elisabeth in Brüssel etwa arbeitet ebenfalls mit wechselnden Disziplinen und verbindet mehrere Prüfungsrunden mit Solo-, Kammermusik- und Konzertrepertoire. Besonders markant ist die abgeschirmte Vorbereitungsphase der Finalisten, die ein neu beauftragtes Werk ohne externe Unterstützung einstudieren müssen. Solche Formate prüfen neben technischer Beherrschung auch Unabhängigkeit, Belastbarkeit und die Fähigkeit, sich unbekanntem Material rasch zu nähern. Der Mendelssohn-Wettbewerb setzt dem ein hochschulbezogenes Modell entgegen, dessen Stärke in der engen Verbindung von akademischer Ausbildung, öffentlicher Prüfung und langfristiger Förderung liegt.

Internationale Orientierung bedeutet heute auch, Verfahrensweisen transparent und nachvollziehbar zu gestalten. Die 1957 gegründete World Federation of International Music Competitions vereint mehr als 120 Wettbewerbe und 20 assoziierte Institutionen in zahlreichen Ländern. Ihre Leitlinien betonen künstlerische Exzellenz, Integrität, Fairness und Gleichheit. Für Wettbewerbe stellt sich damit die Frage, wie Jurys zusammengesetzt werden, welche Kriterien offengelegt werden und wie Interessenkonflikte vermieden werden können. Ebenso dringlich sind Debatten über Diversität und Inklusion. Die Biografie der Komponistin Florence Price, über deren lange Zeit marginalisierte Musik BR-Klassik berichtet, erinnert daran, dass institutionelle Anerkennung nie unabhängig von gesellschaftlichen Machtverhältnissen entsteht.

Auch neue Technologien verlangen eine klare Haltung. Künstliche Intelligenz wird bereits bei Klangbearbeitung, visueller Gestaltung und der Rekonstruktion unvollendeter Werke eingesetzt. Zugleich wächst die Sorge, dass künftig kaum noch erkennbar sein könnte, ob eine Aufnahme auf menschlicher Interpretation oder synthetischer Erzeugung beruht. Der Live-Auftritt gewinnt dadurch möglicherweise an Bedeutung, weil seine Unvorhersehbarkeit, körperliche Präsenz und emotionale Gefährdung nicht vollständig digital reproduzierbar sind. Wettbewerbe können in diesem Wandel eine Orientierungsfunktion übernehmen, indem sie den Einsatz technischer Mittel transparent machen und zugleich jene Fähigkeiten schützen, die nur aus intensiver musikalischer Begegnung entstehen.

Klangräume für die Meister von morgen öffnen

Der Mendelssohn-Wettbewerb ist heute weder ein bloßes historisches Denkmal noch ein isoliertes Prüfungsritual. Seine nachhaltige Wirkung entsteht aus der Verbindung verschiedener Ebenen: aus dem geistigen Erbe Felix Mendelssohn Bartholdys, aus der öffentlichen Verantwortung der Stiftung, aus der Kompetenz der deutschen Musikhochschulen und aus einem Auswahlverfahren, das musikalische Persönlichkeit ernst nimmt. Dass jährlich wechselnde Fächer wie Violoncello, Komposition, Klavier, Gesang oder Orgel in den Mittelpunkt rücken, hält die Institution beweglich. Die Auszeichnung würdigt nicht nur einen Moment, sondern eröffnet häufig weitere Wege durch Konzerte, Aufnahmen, Stipendien und internationale Kontakte.

Für die Zukunft wird entscheidend sein, Räume intensiver künstlerischer Konzentration zu bewahren, ohne sich dem Wandel zu verschließen. Ein Wettbewerb darf nicht zum bloßen Zirkus schneller Sichtbarkeit werden. Er sollte weiterhin jene Aufmerksamkeit ermöglichen, die ein Werk, ein Ensemble und eine musikalische Idee benötigen. Wenn der Mendelssohn-Wettbewerb diese Balance hält, bleibt er ein verlässlicher Seismograph kommender Generationen. Seine Preisträgerinnen und Preisträger zeigen dann nicht nur, wie virtuos Musik gespielt werden kann, sondern auch, welche Haltung, welches Hören und welche Verantwortung die klassische Musik in der Gegenwart braucht.